Der Familienkurs des Vereins Bewegung im Dialog macht Station im schleswig-holsteinischen Kleve. Angeführt von „Pippi Langstrumpf“ starten wir in eine sonnige Woche, voller Bewegung und Herausforderung, intensivem Austausch, vielfältigen Anregungen, Musik und Spiel für Groß und Klein.
6 Familien sind an Bord gegangen, Papa Efraim Langstrumpf auf seiner Südseeinsel zu finden. Von Großfamilie über ein alleinerziehendes Elternteil bis hin zu Oma mit Enkel sind alle Familienmodelle dabei!
Die Crew: Heike, Regina, Renate, Ina, Barbara, Rieka und Charlotte. Ausgestattet mit Rudern, Fangnetzen und Angeln, mit Trommeln, Bällen und Kettcars, mit kreativen Ideen und Einfallsreichtum, um alle mitzunehmen auf diese wunderbare Reise. Um uns einzufangen, anzufeuern, auf Kurs zu bringen und zu halten.

Samstag Morgen: „Kommt alle herunter hier wird es gleich munter, hier geht es gleich los, wo bleibt ihr denn bloß...“ tönt es durch Haus und Garten und treibt auch den letzten Passagier vom Frühstückstisch in die Villa Kunterbunt, die heute eine große Mattenlandschaft auf der Wiese vor dem Haus ist. Und da geht es dann auch schnell kunterbunt zu. Es wird geklatscht, gestampft, gesungen, getanzt und gelernt. Die Geschichte wird durch Bewegung erlebt und verstanden.


Alle Kinder und Eltern sind Teil dieser Großgruppe. Viele Kinder hier haben Beeinträchtigungen unterschiedlichster Art, die nun sichtbar werden und zugleich keine Rolle spielen. Niemand muss die Rutsche alleine erklimmen, wer nicht krabbeln kann, wird gerollt. Wer nicht laufen kann, darf fliegen.  
Einige kommen hier an ihre Grenzen, die meisten kommen ein Stück weiter. Es passiert unglaublich viel und die Villa Kunterbunt wird im wahrsten Sinne kunterbunt erlebt und 
begriffen. Und dabei geht es auch manchmal ganz schön laut und quirlig zu. Dann gibt es Kekse und etwas zu trinken. Anschließend liegen wir kreuz und quer unter wehendem Tuch, zu wunderschöner Musik und atmen tief durch. Mir treibt dieser Moment Tränen in die Augen, ich drücke meine Familie fest an mich und bin sehr glücklich hier zu sein.

Systemische Bewegungstherapie. Zu Beginn vielen von uns nur ein theoretischer Begriff, begreifen wir bald, was dahintersteckt. Ein „bewegter Einstieg“, der uns auf spannende Art und Weise zum Nachdenken anregt. Wir werden dazu aufgefordert, in Gruppen zu fünft einen ausgeklappten Zollstock auf unseren ausgestreckten Zeigefingern langsam gemeinsam zu Boden zu führen ohne dabei den Kontakt zum Zollstock zu verlieren und ohne dabei miteinander zu reden. Klingt spontan nicht so schwer. Ist es aber! Spannend zu erleben, wie die Aufgabe ausgeführt wird und was in der Gruppe passiert, als es nicht gelingt. Wie verläuft dann die Kommunikation in der Gruppe? Wie reagiert jeder Einzelne darauf? Wie verändert sich die Stimmung bei „Nicht-Gelingen“ der sooo einfachen Aufgabe? Wo wird plötzlich über „Regelverstöße“ hinweggesehen? Übernimmt jemand unausgesprochen die Führung? Wie kam es dazu? Gibt es jemanden in der 5-er Gruppe, der gar nicht in den „Blick“ kommt? Usw.
Eine Aktion am Abend für die Eltern, die uns in ihrer Einfachheit, die Komplexität von Systemen offenbart. Wir haben hautnah erfahren wie „Systeme ticken“: es wird aufeinander reagiert und dadurch entstehen auch mal unerwartete Richtungswechsel, Umwege. Man gleicht sich aus, manchmal führt dies alles aber auch zu Stillstand. Teilweise macht sich auch Unverständnis breit – wie konnte das so passieren? Es wird deutlich, dass Wechselspiele entstehen, jeder ist von jedem abhängig. Ein zirkulärer Prozess wird sichtbar: meine Handlung hat Auswirkung auf mein Gegenüber und umgekehrt!
Schnell sind wir dabei, diese Dynamik, die entstanden ist, auf unseren Familien-Alltag zu übertragen und dadurch das Geschehen und Verhalten unserer Kinder und von uns Eltern anders zu sehen, zu verstehen und neue Ideen für einen gelingenden Umgang miteinander zu entwickeln.
Es war super spannend sich mit unseren Themen auf „bewegte Art“ auseinanderzusetzen. Die Eindrücke wirken noch bis heute nach.

Jede Familie hat in dieser Woche eine Teamerin an ihrer Seite, mit der sie zu Beginn ihre Themen besprechen. Eine unserer Töchter konnte schon gut stehen und mit Hilfe einige wackelige Schritte machen, plötzlich mag oder kann sie es gar nicht mehr. Wie können wir sie dabei unterstützen und motivieren, ohne sie zu überfordern? Eigenständiges Sitzen und Essen sind weitere Punkte. Wir erzählen auch davon, was uns gerade bewegt, wo wir im Alltag überfordert sind und was wir besonders gerne machen. Die Teamerinnen entwickeln durch diese Gespräche und im intensiven Austausch mit dem gesamten Team, für jede Familie ein persönliches „Programm“. Manchmal ändern sich vermeintliche Schwerpunkte im Laufe der Woche. Dem sehr sensiblen im Umgang mit allen Familienmitgliedern sei Dank! Perspektivwechsel tut gut!

Großgruppen-Aktivitäten und Familienarbeit wechseln sich ab, und wenn die Familien ihre zwei freien Nachmittage haben und nach St Peter-Ording an den Strand stürmen, sitzt das Team zusammen und tauscht sich aus. Wir haben das Gefühl, sämtliche Teamerinnen sind mit einer extra Portion Energie ausgestattet. Und zusammen wird es noch mehr. Da sind alle voll mit dabei. Unermüdlich und mit einer spürbar riesigen Freude an der Arbeit! 

Die Abende gehören dann nur den Eltern und stellen für den ein oder anderen dann die größte Herausforderung der Woche da. Hip-Hop? Griechische Tänze? Mit Augenbinde spielen? Alles kann, nichts muss. Das Feuer brennt in der Feuerschale und das Bier steht kalt, wir könnten es uns auch einfach gemütlich machen. Und doch machen fast alle mit. Auch bei den Gesprächsrunden über teils wunde Themen, in denen sicher manche Worte das erste Mal laut ausgesprochen werden. Wo wir auch nicht immer einer Meinung sind und doch alle ein Stück weiterkommen. Immer unterstützt durch die sehr einfühlsame Begleitung der Teamerinnen.

Acht ganz besondere Tage verbringen wir in Kleve. Umsorgt von den herzlichen Gastgebern Uli und Sabine, die uns bekochen, bebacken und betüdeln. 12:30 Uhr steht das Mittagessen auf dem Tisch und wir Eltern können es in Ruhe genießen und dabei ein bisschen quatschen. Denn alle Kinder sind von den Teamerinnen „verschleppt“ und bekommen ihr Mittagessen dort. Egal wie schwierig sich die Essenssituation bei manch einem gestaltet, alle kommen ganz selbstverständlich mit und häufig klappt es gut. Meist bleibt uns Eltern noch Zeit für einen Kaffee im Garten bis die Kids dann wieder abgeliefert werden.
Trotz des vollen Programms, haben wir das Gefühl, sehr viel Zeit zu haben. Quality-time würde es der Instagrammer wohl nennen. Aber genau so fühlt es sich an. Viel Zeit mit den Kindern, die man oft im Alltag so nicht hat. Herzliche, kreative Menschen um uns herum, die sich intensiv mit den Kindern und uns beschäftigen. Austausch mit Familien, die in ähnlichen Lebenssituation stecken und von deren Lebensmodellen man lernen kann. Hier spielt jeder die Hauptrolle in seiner eigenen Pippi Langstrumpf-Folge. 

Am Ende der Woche sind wir auf der Südsee-Insel angekommen, aber Papa Langstrumpf war inzwischen zur Villa Kunterbunt gefahren. Wie sagt man so schön: Der Weg ist das Ziel?!


Wir, das sind Maren und Robert mit unseren Zwillingstöchtern Enie und Luna aus Hamburg. Die beiden Mädels sind extrem früh geboren und haben in Folge nachgeburtlicher Hirnblutungen komplexe Einschränkungen. Wir haben an dem Familienkurs von Bewegung im Dialog nun zum dritten Mal in Folge teilgenommen und können gar nicht genug davon bekommen. Für uns ist es eine der schönsten Wochen des Jahres!

 

Weitere Erfahrungsberichte

Briefe/Zitate von Eltern

"Die Erfahrungen aus diesem Kurs waren für unsere Familie einzigartig und noch heute machen uns die Erinnerungen daran unseren Alltag ein Stückchen leichter. "

Familie mit 2 Kindern (1 Sohn mit Beeinträchtigung)

"Durch den Kurs, konnten wir alte Ansichten überdenken und neue Sichtweisen hinzugewinnen. Nun sind wir als gesamte Familie gestärkt. "

Mutter zu einem Familienkurs mit 4-köpfiger Familie

"Ich habe auf verschiedene Themen einen neuen Blickwinkel bekommen. Wir sind wieder begeistert vom Einsatz und positiver Ausstrahlung des Teams. Wir fahren voll gepackt mit Ideen, Informationen und Eindrücken nach Hause zurück. "

Mutter mit Großmutter, Tochter (5 Jahre, mit komplexer Beeinträchtigung) und Sohn (4 Jahre)

"Uns hat diese eine Woche so viel Kraft und Mut für
den weiteren Lebensweg mit Emilia gegeben und viele
Familien mit dem gleichen Lebensweg
kennengelernt. "

Mutter mit Großmutter, Tochter (5 Jahre, blind)

"Beide Kurse sind für uns unheimlich nachhaltig gewesen und auch jetzt noch profitieren wir in verschiedenen Situationen davon. Dank Bewegung im Dialog haben wir noch ein Stück besser in unseren jetzt recht normalen Alltag gefunden, haben die Rückmeldung bekommen, dass auch unsere beiden großen Kinder nicht zu kurz kommen. "

Familie W. mit 3 Kindern (1 Kind mit komplexer Beeinträchtigung) nach zwei unterschiedlichen Familienkursen